Zwischen Kontrolle und Fürsorge – was unsere Hunde über uns verraten
- info5714539
- vor 7 Tagen
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Unsere Entscheidungen entstehen nicht nur aus Wissen
Unsere Entscheidungen im Zusammenleben mit Hunden haben oft viel mehr mit unseren Einstellungen zum Leben zu tun als mit dem Wissen über Hundetraining das wir uns im Laufe der Jahre angeeignet haben.
Hunde lernen nicht nur die Anleitung
Aus einem kleinen Welpen könnte sich ein ganz unterschiedlicher erwachsener Hund entwickeln. Je nachdem in welcher Umgebung und Familie er sein Leben verbringen wird. Er wird sich unterschiedlich entwickeln, wenn seine Lebenserfahrungen unterschiedlich sind. Was ist für ihn sicher, wie wird er untergebracht, medizinisch versorgt und ernährt.
Lebenserfahrungen vermitteln wir unseren Hunden über Tagesabläufe und darüber, wie das Zusammenleben mit uns funktioniert. Gleichzeitig vermitteln wir ihnen aber auch etwas über uns selbst.
Wir belohnen Verhaltensweisen die uns erfreuen. Andere Verhaltensweisen führen dazu, dass etwas Angenehmes ausbleibt oder unangenehme Konsequenzen folgen. Ob wir dies bewusst tun oder nicht – Hunde lernen ständig aus den Reaktionen ihrer Menschen.
Dabei ist es oft nicht nur entscheidend, was wir trainieren, sondern auch, wie wir es tun mit welchen eigenen Emotionen und innerer Haltung wir unserem Hund begegnen. Hunde lernen nicht nur das, was wir ihnen beibringen möchten. Sie lernen auch etwas darüber wer wir sind und wie wir im Umgang mit "Fehlern", Unsicherheiten oder unerfüllten Erwartungen umgehen.
Kontrolle durch Ziele
Manche Menschen verfolgen Ihre Ziele mit großer Konsequenz. Der Hund soll funktionieren, zuverlässig sein wie die Kirchturmuhr, bestimmte Aufgaben erfüllen oder im Hundesport erfolgreich werden. Das Ziel steht im Vordergrund. Dabei kann leicht aus dem Blickwinkel geraten, wie sich der Weg dorthin für den Hund anfühlt und ob er die Anforderung körperlich und emotional überhaupt leisten kann.
Kontrolle durch Fürsorge
Andere Menschen wiederum verfolgen einen ganz anderen Ansatz. Ihr Hund soll sich wohlfühlen – was in erster Linie sehr erstrebenswert ist, aber ist damit das Wohlgefühl des Hundes oder die eigene Erleichterung gemeint, wenn der Hund keine Anzeichen von Unbehagen zeigt?
Frustration soll vermieden werden, Unzufriedenheit möglichst gar nicht erst entstehen, jeder Schritt und kleiner Hinweis auf Unwohlsein wird aufmerksam beobachtet. Alles zu kommentieren, was der Hund macht kann auf eine ganz subtile Weise anstrengend für das Tier sein, auch wenn es gut gemeint ist.
Manchmal steht dahinter auch ein Bedürfnis, das die eigene Unsicherheit reduzieren soll und Kontrolle über schwierige Situationen zu erreichen, die noch nicht vorhersehbar sind.
Die Suche nach Sicherheit
Die einen kontrollieren den Hund über Ziele. Die anderen über Fürsorge.
Und dann gibt es Menschen, die ebenfalls Wünsche und Ziele haben, aber bereit sind diese zu verändern, wenn der Hund zeigt, dass ihm eine angedachte Beschäftigung oder Zuneigung keine Freude bereitet oder ihn gar belasten.
Wenn wir uns den erst genannten Gruppen zuwenden ist die Herstellung von Sicherheit ein gemeinsames Ziel. Beide möchten Fehler vermeiden auf unterschiedliche Art und Weise.
Während die einen mögliche Schwierigkeiten eher dem Hund zuschreiben, neigen andere dazu, die Ursachen dafür bei sich selbst zu suchen. Beide Gruppen können aus den besten Absicht heraus handeln und dem Hund nur Gutes wollen. Als außenstehende Person weiß man das jedoch nicht.
Der Blick der anderen
Eine mächtige Schwierigkeit für viele Menschen ist die soziale Erwünschtheit. Menschen möchten gesehen werden. Sie möchten Anerkennung erfahren und Kritik vermeiden. Das ist Menschen wichtig, um sich einzuordnen, zu orientieren, das Gefühl zu haben dazuzugehören.
In der heutigen Zeit kommen soziale Medien hinzu, die suggerieren, dass bestimmte Ziele mit dem Hund in kurzer Zeit erreichbar sind. Das macht Druck. Workshops, Seminare und Kurse "versprechen" manchmal Lösungen. Voller Hoffnung werden sie besucht. Danach fühlt man sich oft beflügelt, motiviert und inspiriert.
Doch nicht selten folgt anschließend die Ernüchterung. Das gesetzte Ziel wird nicht erreicht. Der Hund entwickelt sich doch nicht wie erwartet. Die Umsetzung gelingt nicht so einfach wie versprochen.
Dann kann sich ein diffuses, emotionales Hintergrundgeräusch entwickeln, das sich bei näherem Hinsehen als Enttäuschung, Scham oder das Gefühl des Versagens erweist.
Wem dient das Ziel wirklich
Genau an dieser Stelle lohnt sich eine ehrliche Frage:
Trainiere ich gerade für meinen Hund oder für die Anerkennung anderer? Zeigt er Wohlbefinden bei den Ansprüchen die an ihn gestellt werden oder ist es vor allem mein Wunsch, das mein Hund bestimmte Fähigkeiten erlernt. – Warum ist das wichtigt für mich ?
Beispielsweise:
Der Hund soll sportlich sein.
Der Hund soll ruhig sein.
Der Hund soll zu allen freundlich sein.
Der Hund soll sich "gut benehmen".
Der Hund soll...
Wer ist mein Hund eigentlich?
Hinter jedem "Der Hund soll", steckt ein Ziel. Doch nicht jedes Ziel entsteht aus einem tatsächlichem Bedürfnis des Hundes und vielleicht auch nicht aus Ihrem? Häufig besteht dafür auch keine wirkliche Notwendigkeit – außer der Wunsch, gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.
Mal angenommen, wir könnten uns von all den Vorstellungen lösen, wie ein Hund zu sein hat und welchen Weg man mit ihm gehen sollte, damit er zu einem von der Gesellschaft akzeptierten Lebensgefährten wird, käme vermutlich ein Ergebnis zustande, das viele von uns überraschen würde.
Vielleicht wären wir entspannter im Umgang mit unserem Hund und würden ihn nicht mehr danach beurteilen müssen, was er alles können sollte.
Stattdessen könnten wir beobachten, wer er ist – und uns vielleicht darüber wundern, dass schon so viele "Soll`s" da sind, die wir bisher nicht gesehen haben.


