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Pippi – Langstrumpf – Hunde

  • info5714539
  • 4. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Zwischen Wunschbild und Wirklichkeit geht der Hund verloren


Klein, groß, schwerfällig, mit reduzierter Mimik, im Kindchenschema bleibend, kurzbeinig, dünn – dünner – denn dünn. Bunt, am besten noch eine Spezialfarbe. Schmale Köpfe, lange Köpfe, platte Köpfe. Dichtes, flauschiges Fell, das am besten nicht ausfällt. Locken, kurze Haar, lange Haare oder keine Haare. Frisuren nach Geschmack – nicht nach Funktion.


Alles was eine menschliche Vorstellung bedient, ist möglich und erhältlich. Kaum ein Haustier zeigt innerhalb einer Art eine derart extreme Vielfalt. Doch diese Vielfalt ist keine Anpassung an unterschiedliche Lebensräume oder klimatische Bedingungen – wie die Natur sie ursprünglich vorgesehen hat. Es ist der Mensch, der formt. Nach dem Motto:

„Dann mach ich mir die Hundewelt wide wide wie sie mir gefällt."


Veränderte Form verdrängt Funktion


Zucht verändert Körperbau und Proportionen. Und damit auch die Voraussetzungen unter denen ein Hund die Welt wahrnimmt, sich bewegt und reagiert. Sinnensleistungen können dadurch beeinflusst werden, wie beispielsweise das Sichtfeld und die Atemfunktion. Und im ungünstigensten Fall entstehen gesundheitliche Risiken. Menschengemachte Veränderungen – oft ohne die Konsequenzen mitzudenken.


Als Physiotherapeutin nehme ich Hunde wahr, deren Körperbau funktionell aus dem Gleichgewicht geraten ist. Beinlängen, die nicht mehr stimmig sind. Winkelungen der Hinterhand, die von physiologischen Strukturen abweichen.

Die Folge ist beispielsweise ein nach vorne verlagerter Schwerpunkt oder eine veränderte Kraftverteilung. Gelenke wie Hüfte, Knie oder Ellenbogen werden ungleich belastet. Muskuläre Dysbalancen sind möglich, ebenso kompensatorische Bewegungsmuster und Verspannungen, oft lange,bevor im Röntgen etwas sichtbar ist. Alles Auswirkungen die im Umgang mit den betroffenen Hunden berücksichtigt werden sollten.

Betroffene Hunde ermüden schneller und sind zum Teil deutlich verletzungsanfälliger. Dennoch wird mit ihnen häufig nach Schema F trainiert.

Das klassische Programm „Sitz – Platz – Fuß", ist nach wie vor fest in den Köpfen verankert und prägt vielerorts das Trainings und das, obwohl sich Hundetypen unübersehbar verändert haben und individuelle körperliche Voraussetzungen berücksichtigt werden müssten.

Vieler Vierbeiner können gleichgebleibene Ansprüche, die an sie gestellt werden, nicht unbeschadet leisten. Manch ein Hund steht ständig auf Spannung in der Leine – nicht aus Unwillen, sondern weil Bewegung schmerzt, was in diesem Zusammenhang oft übersehen wird.


Wenn Schmerzen den Verhaltensausdruck beeinflussen


Zuchtziele, die sich an menschlichen Vorstellungen und Bedürfnissen orientieren, können die Lebenszeit eines Hundes verkürzen und von Anbeginn des Lebens mit gesundheitlichen Einschränkungen verbunden sein. Doch gerade bei jungen Hunden wird Schmerz selten vermutet. Es ist doch ein „unverbrauchtes Tier".

Langsamkeit wird als Unlust gewertet oder gar eine Verweigerung als Dominanzgehabe abgetan.


Damit ist das Dilemma leider nicht beendet


Nahrung – als Kern des Lebens – hat ebenfalls einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das Verhalten. Der Dschungel an Angeboten zu Futtermitteln ist unübersichtlicher geworden. Es gibt heute die unterschiedlichsten Möglichkeiten Hunde zu ernähren – ganz gleich, ob Fertigfutter, Kochrationen oder BARF-Mahlzeiten, sie sollten zum individuellen Stoffwechsel passen und bedarfsdeckend sein.

Genetische Besonderheiten können die Nährstoffaufnahme zusätzlich beeinflussen. Nicht jeder Hund kann jede angebotene Ration gleich gut verwerten. Medizinische Untersuchungen sind in diesen Fällen wichtig was nicht jedem Hundehalter bewusst ist.

In meiner Praxis im Bereich der Ernährungsberatung zeigen sich regelmäßig Versorgungslücken und dies nicht nur bei selbst zusammengestellten Rationen sondern auch bei Fertigfuttermitteln.


Zwischen Deklaration und Nährwert


Alleinfuttermittel unterliegen gesetzlichen Vorgaben. Doch die Kontrollen erfolgen stichprobenartig und lassen Spielräume. Besonders bei geschlossenen Deklarationen auf Futtermitteln bleibt unklar:

Welche Rohstoffe sind tatsächlich enthalten?

In welcher Qualität?

In welcher Menge?

Die Zusammensetzungen können innerhalb gewisser Grenzen variieren.


Wenn Versorgung nicht Versorgung ist


Viel Futtermittel werden als „vollwertig" beworben. Doch bei genauer Betrachtung und Berechnung zeigen sich in manchen Fällen Defizite:

Beispielsweise kann Jod fehlen oder ist nur in geringen Mengen vorhanden. B-Vitamine sind nicht bedarsdeckend. Essentielle Fettsäuren fehlen gänzlich oder teilweise oder sind unausgewogen zusammengestellt.

Hat man in guter Absicht ein Futtermittel mit Versorgungslücken erwischt, verändert sich nach und nach das Verhalten des Hundes. Durch den schleichenden Prozess wird jedoch eine Verhaltensveränderung weniger mit dem Futtermittel in Verbindung gebracht.

Wenn oben genannte Inhaltsstoffe fehlen bekommt der Hund Stress. Die Schilddrüse benötigt beispielsweise Jod, um zu funktionieren – bei Hunden und auch bei Menschen. Der Stoffwechsel ist darauf angewiesen. Das Gehirn benötigt unbedingt essentielle Fettsäuren. Das Nervensystem besonders die B-Vitamine. Wenn diese oder andere Grundlagen nicht stimmen, hat das Auswirkungen auf vielfältige, körperliche Funktionen – auch auf Verhalten, Belastbarkeit des Hundes und seine Regulationsmöglichkeiten.

Dennoch wird Verhalten im Training häufig isoliert betrachtet.


Verhalten – ein Puzzle aus vielen Teilen


Dauerhafte Mangelzustände können die Motivation eines Hundes deutlich beeinflussen.

Hunde reagieren beispielsweise gereizt im Spielkontakt trotz „eigentlich" guter Sozialkompetenz.

Sie könnten sich in diesem Zusammenhang auch schneller aufregen und impulsiver oder gar offensiver erscheinen. Wenn Körperzellen mangelversorgt sind, und die Ursache von unstabilem, ungewünschtem Verhalten in der Abgeschlagenheit begründet sind, mit Stoffwechselstörungen zusammen hängen oder gar Schmerzen – reicht Training alleine nicht aus.


Die entscheidende Frage...


Wenn wir all diese Faktoren zusammen denken, stellt sich die grundlegende Frage:

Kann es funktionieren, jeden Hund nach den denselben Trainingsprinzipien fördern zu wollen, wenn die Voraussetzungen so unterschiedlich sind?

Körperbau – Gesundheit – Ernährung – Lebensumfeld


Ganz sicher nicht. Dennoch wird Training in festen Mustern vermittelt – einheitlichen Abläufen.

In dieser „Pippi – Langstrumpf - Welt" des Trainings brauchen wir Veränderungen. Hunde brauchen Trainingsabläufe, abgestimmt auf ihre individuellen Fähigkeiten oder Einschränkungen.

Der „moderne" Hund kann nicht ohne Kompromisse in die für ihn ausgesuchten Lebenskonzepte passen.

Als Hundehalter:in können Sie Verhalten hinterfragen, beobachten, Zusammenhänge durchdenken und bei Bedarf medizinische oder andere fachliche Unterstützung und Beratung aufsuchen, bevor Sie sich ausschließlich auf Trainingsansätze verlassen.


Ein guter Trainingsweg gibt Hinweise


Training, das auf positiver Verstärkung basiert, ist dabei ein Türöffner. Der Hund darf zeigen, was er kann – und auch, was er nicht kann. Er darf langsamer werden, sich entziehen. Und genau darin liegen wichtige Informationen zu Befindlichkeiten die Denkanstöße geben und helfen die Bedürfnisse des Hundes zu erkennen und mögliche Beschwerden schneller aufzudecken.






 
 
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