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Wenn diese verflixte Leine nicht wäre - über Tempo, Wachstum und Missverständnisse

  • info5714539
  • 2. März
  • 4 Min. Lesezeit

Leineziehen oder was Hunde täglich für uns verlangsamen


Die Leine ist eine der abwegigsten Notwendigkeiten, die ein Hund erdulden muss. Eine völlig andere Spezies als wir, dynamisch mit federndem Gangbild. Je sportlicher der Hund, desto wahrscheinlicher wählt er den Trab wenn er die Wahl hat sich fortzubewegen. Ein effizienter Gang, bei dem gut gewinkelte Gelenke und gespannte Sehnen wie Federn funktionieren. Sie sammeln Energie beim Abstemmen und geben sie in sichtbarem Schwung wieder frei. Der Hund bewegt sich mühelos nach vorn.


Leider passt dieses fantastische biomechanische System so gar nicht zur menschlichen Gangart.

Menschen erwarten, dass Hunde ihr Tempo reduzieren. Schritt laufen, wider ihrer natürlichen Frequenz. Menschen finden es selbstverständlich, dass Hunde das können müssen. Mitunter reagieren wir sogar ungeduldig oder finden es unverschämt vom Hund, wenn dieser – sich viel zu schnell am Ende der Leine wiederfindet.

Je unbeweglicher der Mensch, desto langsamer soll das Tempo sein.


Wenn Tempo zur Geduldsporbe wird


Waren Sie schon mal mit jemanden unterwegs, der einen Rollator benutzt. In dem Fall wissen Sie, wie es ist, das eigene Tempo dauerhaft zu reduzieren. Es ist anstrengend und ermüdend. Am Ende der Tour ist man froh, wo auch immer angekommen zu sein. Die Impulskontrolle spürbar verbraucht, der Blutzucker im Keller. Ein Stück Kuchen wäre jetzt schön.

Genau so geht es Hunden in Ihren Lernerfahrungen mit der Leine.


Sieht im Fernsehen so einfach aus, wenn der "Filmhund" freudig über den Bildschirm schlendert. Das ist er – der perfekte treue Freund den sich jeder als Begleiter wünscht. Entspannt, fröhlich, gemeinsam unterwegs eine Einheit sein. Dieses Filmideal zieht seine Kreise. Aber wie gelingt die Grätsche ?


Vom tapsigen Welpen zum schnellen Junghund


Anfänglich, wirkt vieles leicht. Der Welpe bewegt sich tapsig fort, hopst niedlich, schlendert herum, alles im Rahmen der Gemütlichkeit. Läuft der Hund zu langsam und schaut sich stehend etwas an wird er weitergelockt. Man möchte ja das Laufen trainieren.

Oder war es die lockere Leine ?

Der Hund wächst schneller als man vorausschauend ahnt, was kommen mag. Er wird flink. Die Umwelt wird bedeutsam, eine ganz normale Entwicklung. Hobbys werden entdeckt, der Hund schnüffelt, scannt, sichert sich ab. Wieder wird gelockt, nicht herumschauen, nicht stehen bleiben.


Ist im anfänglichem Lernprogramm Entschleunigung und Trödeln nicht vorgesehen, lernt ein Hund fleißiges Vorwärtslaufen. Er hat das Thema wunschgemäß aufgegriffen – er läuft im Stechschritt voran. Nur leider läuft er natürlicher Weise schneller als Menschen. Es kommt zu Konflikten, Frustration und Rückenschmerzen auf beiden Seiten.

Wie jetzt dem Hund vermitteln, dass wir uns vertan haben ?

Es ist weder eine Schande noch peinlich, wenn ein Hund sich entwickeln darf und niicht sofort alles "super" läuft. Einen ultimativen Trick gibt es nicht. Gedult und eine gute Beobachtungsgabe für Bedürfnisse und Lerntempo des jeweilgen Hundes sind die Grundlagen.


Das Hindernis namens Wachstum


Jeder Hund steht im Wachstum vor der herausforderung den eigenen Körper zu steuern. Sehnen und Bänder benötige bis zu zwei Jahre, um sich zu stabilisieren und auszureifen. Röhrenknochen sind im ersten Jahr im stetigen Wachstum. Das Skelett besteht in den ersten Monaten überwiegend aus Knorpelgewebe, empfindlich und verletzlich. Mal ist die Rückenlinie hinten höher, mal vorne, Beine können ungleichmäßig wachsen. Wie also vier Beine in dieser Zeit koordinieren ? Das mag selbst einen Hund an manchen Tagen überraschen.

Das erste Jahr ist ein körperlicher Umbruch. Wird in dieser Zeit das Leinentraining missverständlich vermittelt oder weicht vom Ziel der Lockerheit ab indem man selber an der Leine zieht, ist es manchmal ein Wunder, das ein Hund die Funktion der Leine überhaupt versteht – wieder seiner Schwungkraft zu gehen, ohne Sinn aus Hundeperspektive.


Balance halten ist eine intensive Aufgabe. Muskeln tragen das Gewicht im Wachstum noch nicht stabil, auch wenn es den Anschein erweckt, dass der sieben Monate alte Hund schon fleißig mit wandert.


Die Büchse der Pandora


Die Leine wird zur Büchse der Pandora. Man möcht das Ziehen abstellen und merkt, mit stop and go ist es nicht getan. Hinter diesem Band befindet sich ein komplexes Zusammenspiel.

In erster Linie gilt: Man trainiert was man trainiert.

Trabt der Hund an der Leine mit hochgelobtem Blickkontakt, trainert man genau das. Schlendert man gemüdlich trainiert man schlendern.

Leinenführung hat immer, und hier ist dieses Wort gut platziert, auch mit physiologischer Erregung und einem körperlichen Entwicklungsprozess zu tun, den der Hund nicht willentlich beeinflussen kann. Es geht nicht um die hundertste Wiederholung einer Übung.


Wenn Werbung von Kurzzeitseminaren das ersehnte Ziel verspricht


Die Vorstellung, in einer Woche oder wenigen Tagen die perfekte Leinenführung zu erreichen, ist verlockend. Endlich Erlösung vom nervenaufreibendem Gezerre.

Vor dem Hintergurnd von Wachstumsphasen und motorischer Entwicklung ist das jedoch höchst fragwürdig. Das kann für einen Hund nicht leidfrei ausgehen. Motorische Abläufe, die der Natur des Hundes widersprechen, brauchen Zeit. Muskeln wachsen nicht auf Kommando. Koordination und Balance entwickelt sich langsam. Natürlch gibt es Ausnahmen, wie beispielsweise sehr kleine Hunde die kaum schaffen Schritt zu halten, Hunde mit Kurzatmigkeit oder rassespezifischen Bewegungseinschränkungen.

Rangreduktionsmodelle nehmen auf diese Aspekte keine Rücksicht. Runterregulierte Hunde zeigen ein hölzernes Gangbild, Passgang, Rückenspannungen– die auf Schmerzen hindeuten. Ein darauf geschultes physiotherapeutisches Auge erkennt das sofort.

Ein schmerzbehafteter Hund läuft nicht locker neben seinen Menschen, sondern höchst verspannt, auch wenn keine Leinenspannung zusehen ist. Es ist bedauerlich, das manche Menschen das trotzdem so wollen.


Am Ende der Leine stehen zwei


Das eigne Tempo, das unbedingte Wollen, manchmal sogar das eigene Ego zurückzustellen, um diese Band locker zu halten ist eine Multitasking - Aufgabe.

Druck herausnehmen, Situationsdynamik zu verstehen, technisch sicher mit unterschiedlichen Leinenlängen umzugehen, ist ebenfalls Leinentraining. Lösungen parat zu haben ist keine Magie sondern Trainingswissen.

Mit einem Hund unterwegs zu sein ist ein Kompromiss. Jeder am Ende der Leine soll sich wohlfühlen. Es kann ein längerer Trainingsweg sein als Sie sich gewünscht hätten.

Wenn Sie die Perspektive wechseln können, das Leinenende mit Ihrem Hund tauschen und reflektieren, ob Sie sich dort wohlfühlen würden und ob Sie Sicherheit vermitteln, dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Auch wenn Ihr Hund Ihren Erwartungen an manchen Tagen noch entgegenläuft.


 
 
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