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Hundebegegnungen sind kein Sammelalbum

info5714539
5. Okt.
4 Min. Lesezeit

Weniger ist manchmal mehr


Meine Hunde sind in ihren Vorlieben und Bedürfnissen sehr unterschiedlich. Aber alle vier sind gut sozialisiert, würde man umgangssprachlich sagen. Sie können eine Hundebegegnung bewältigen, auch wenn der entgegenkommende Hund nicht wirklich freundlich erscheint. Sie sind in der Lage, solche Situationen zu meistern, ohne dass daraus eine offensive Auseinandersetzung entsteht.

In der Regel mute ich ihnen jedoch nicht jede Begegnung zu. Schon gar nicht, wenn ich weiß, dass der vom Besitzer als "verträglich" bezeichnet Hund subtile oder auch deutliche Ansätze offensiver Einschüchterung zeigt. Oder wenn der fremde Hund aufgrund seiner überschwänglichen Freude nicht mehr wahrnimmt, dass der gegenüberstehende Hund sich eigentlich ständig zurückziehen möchte.

Meine Hunde können solche Situaitonen kompensieren. Aber nur weil sie es können, müssen sie sie nicht aushalten.


Soziale Kompetenz bedeutet nicht, alles aushalten zu müssen


Bei uns Menschen ist das schließlich nicht anders.Ich würde mich auch nicht zu einem Kaffeekränzchen verabreden, bei dem die Tischbesetzung in einer Art und Weise kommuniziert, die mir nicht gefällt. Vielleicht interessieren mich die Themen nicht. Vielleicht wird ständig über Gott und die Welt in offensiver Weise geschimpft oder gejammert. Sicher könnte ich mich integrieren und die Situation bewältigen. Aber das Treffen würde mir keine Freude machen, und deshalb würde ich es nicht freiwillig wiederholen.


Und dann gibt es auch noch Tage, an denen man einfach keine Lust hat, auf Gesellschaft hat.


Ich würde sogar sagen, dass wir unsere soziale Kompetenz besonders gut entwicken können, wenn wir mit sozialen Menschen zusammen sind, die uns auf Augenhöhe begegnen und uns guttun. Mit einer dadurch gewonnenen Sicherheit können wir auch unangenehmen oder offensiven Menschen begegenen und solche Sitiationen meistern.

Trotzdem würden wir eben diese Kontakte nicht ständig aufsuchen. Weil sie anstrengend oder stressig sind. Warum sollte das bei Hunden grundsätzlich anders sein?


Hunde erleben unterschiedliche Tage und Stimmungen

Auch Hunde haben schlechte Tage. Sie können Schmerzen haben, müde sein oder einen anstrengenden Tagesablauf hinter sich haben. Vielleicht hatten sie bereits viele Eindrücke oder möchten an diesem Tag einfach ihre Ruhe.

Trotzdem hält sich hartnäckig die Ansicht, einem Hund möglichst in viele Begegnungen hineinzuführen – unabhängig davon, ob Sympatie, Interesse oder überhapt ein Bedürfnis nach Kontakt besteht.

Am Ende zählt dann nur: " War doch gut, es gab keinen offensichtlichen Konflikt".

Aber ist das wirklich schon eine gute Begegnung?


Auch Ausweichen ist eine soziale Entscheidung


Menschen, die mit ihren Hunden einen Bogen laufen oder aus dem Weg gehen, werden manchmal kritisch betrachtet. Der Hund könnte auf dies Weise schließlich gar nicht lernen, wie soziales Miteinander funktioniere.


Dabei ist auch das Ausweichen eine soziale Strategie.


Ein Hund kann lernen, Abstand zu wählen, einen Bogen zu laufen, kurz stehen zu bleiben oder einen anderen Hund vorbei gehen zu lassen. Auch das sind Möglichkeiten, mit einem sozialen Gegenüber umzugehen.

Hunde können häufig sehr schnell erkennen, wie die Stimmung des anderen ist. Und je besser man die einzelnen Hunde kennt, desto klarer wird einem selbst – vorausgesetzt, man kann ihre Körpersprache richtig lesen, dass nicht jeder Hund zum eigenen Hund passt.

Manchmal zeigt sich das sehr deutlich, manchmal nur subtil.


Darf Ihr Hund mitentscheiden?


Meine Hunde signalsieren körpersprachlich, wenn sie Abstand möchten. Dann weichen wir aus oder stellen uns mit einem individuellen Abstand an den Rand.

Manchmal zeigen sie Interesse, besonders wenn sie einen Hund kennen und mögen. Dann frage ich sie, ob sie Hallo sagen möchten.

Und trotzdem kommt es vor, dass ich mich verschätze. Ich dachte, sie möchen Kontakt, und sie entscheiden sich doch dafür, lieber an den Rand zu gehen.

Dann machen wir genau das.

Es reicht nicht aus, soziale Kompetenz bei Hunden daran zu messen, wie gut sie jeden Nahkontakt bewältigen.

Denn ist es nicht ebenfalls sozial kompetent, wenn ein Hund eine Begegnung vorausschauend ablehnt? Wenn er im übertragenden menschlichen Sinne sagt: "Ach der schon wieder. Nein danke."


Verträglich bedeutet nicht automatisch angenehm.


Nicht jeder Hund, der als verträglich gilt, ist für jeden anderen Hund auch ein angenehmer Sozialpartner.

Ein Hund kann grundsätzlich freundlich sein und trotzdem aufdringlich wirken. Er kann einen anderen Hund ständig bedrängen, obwohl dieser sich zurückzieht. Er kann Signale übersehen oder schlicht nicht akzeptieren.

Auch Einschüchterung ist nicht immer laut und für jeden Menschen gleichermaßen offensichtlich. Manchmal geschieht sie sehr unscheinbar.

Das kein Hund knurrt, bellt oder offensiv wird, bedeutet deshalb noch lange nicht, dass beide Hunde diese Begegnung als angenehm empfunden haben.


Hundebegegnungen sind kein Sammelalbum

Hundebegegnungen sollten auch kein Sammelalbum sein.


Es geht nicht darum, möglichst viele Kontakte zu sammeln. Nicht "je mehr, desto besser" ist die Devise.

Entscheidender ist, welche Gefühle mit diesen Begegnungen verbunden sind. Ob der Hund ein Mitspracherecht hat. Ob er Abstand wählen darf und erlebt, dass seine Entscheidung wahrgenommen wird.


Ein Hund, der auch einmal eine wirkliche negative Begegnung erlebt und danach weiterhin

Hunden freundlich begegnen kann, ist für mich ein stabiler Hund.

Diese Stabilität entsteht aber nicht unbedingt dadurch, dass er besonders viele Begegnungen absolvieren musste.

Sie kann zum Beispiel gerade dadurch entstehen, dass die guten Kontakte in seinem Leben überwogen haben. Das könnten durchaus wenige, aber gezielt gewählte Kontakte sein.

Kontakte, beidenen der Hund nicht in Spielgruppen gemobbt wurde. Bei denen er nicht ständige Situationen aushalten musste, die ihm unangenehm waren. Bei denen sein Mitspracherecht eben nicht übergangen wurde.

Und vor allem dadurch, dass ein Spaziergang für ihn auch einfach ein schöner Spaziergang sein darf. Ohne ständig damit rechnen zu müssen, dass ihm gleich wieder ein "Kaffekränzchen" zugemutet wird, das sich für ihn nicht gut anfühlt.





 
 
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