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Hibbelhunde eine imaginäre Rasse

info5714539
7. Sept.
3 Min. Lesezeit

Immer wieder begegnet einem im Zusammenhang mit Hunden der Begriff "Hibbelhunde". Selbst in früheren Zeiten, in denen ich Seminare zu schnell erregbaren oder reaktiven Hunden angeboten habe, wurde diese Bezeichnung gern verwendet. Es widerstrebte mir schon damals, diesen schwammigen Begriff zu benutzen.


Auch zu Werbezwecken halte ich den Namen für eine Irreführung. Vielleicht soll er Menschen unkompliziert dort abholen, wo sie gerade gedanklich stehen. Das Problem ist nur, eine zunächst leger gewählte Bezeichnung wird durch stetige Wiederholung irgendwann zu einer scheinbar selbstverständlichen Beschreibung des Hundes.

Und plötzlich gibt es sie überall – die Hibbelhunde.


Dabei ist der Hibbelhund weder eine eigenständige Hunderasse noch eine fachliche Begrifflichkeit, die einem Hund in Nöten besonders gerecht werden würde.


Ein Wort – viele mögliche Bedeutungen


Hibellhund verbindet vielmehr ein Substantiv fest mit einem Adjektiv – hibbelig.

Und dieses Wort wird bei genauerer Betrachtung interessant. Denn für "hibbeig" finden sich zahlreiche Synonyme, deren Bedeutung erstaunlich weit auseinander liegen: unruhig, nervös, zappelig, hektisch, aufgeregt, überdreht, fahrig, ruhelos, schnell in Bewegung oder einfach bewegungsfreudig. Das sind recht unterschiedliche Zuständen auch gefühlt, zu denen man jeweils weitere Bedeutungsnuancen aufzählen kann. In der Summe würde ich meinen, unterschiedlicher kann ein Wort nicht ausgelegt werden.


Ein Hund kann sich im Rahmen seiner Aufgabe ausgesprochen schnell und dynamisch bewegen, ohne dabei nervös oder innerlich unruhig zu sein. Ein anderer Hund kann beinahe bewegungslos dasitzen und trotzdem hoch angespannt und nervös sein. Wir sehen hinter diesem Begriff was wir subjektiv damit verbinden.


Unterschiedliche Bilder


Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Rand eines Feldes und beobachten einen Border Collie bei der Arbeit an Schafen. Plötzlich bleibt ein Spaziergänger neben Ihnen stehen und ruft begeistert: "Wow wie dynamisch und schnell dieser Hund rennt! Das ist ja ein richtiger Hibbelhund."

Klingt merkwürdig ? Sind aber Synonyme für hibbelig.


Dann nehem wir einen Australian Shepherd, der mit großen Augen hin und her blickt, gekauert sitzt, angespannt aber regungslos. " Ah, schauen Sie mal – ein Hibbelhund. Habe ich sofort erkannt." sagt wieder jemand.

Auch merkwürdig.


Trotzdem werden gerade bestimmte Hunderassen beinahe selbstverständlich einer imaginären Rassegruppe der "Hibbelhunde" zugeordnet – vor allem so mancher Hütehund.


Und damit kommen wir zum eigentlichem Problem. Was möchte jemand überhaupt ausdrücken wenn er einen Hund als hibbelig bezeichnet?

Ist der Hund nervös? Ängstlich? Bewegungsfreudig? Schnell? Überfordert? Aufgeregt? Erwartungsvoll? Oder angespannt? Oder ist er lediglich ausgesprochen dynamisch?

Ein Wort, das schenbar alles beschreiben kann, beschreibt am Ende erstaunlich wenig.


Wenn aus einem Zustand eine Eigenschaft wird


Die Bezeichnung "Hibbelhund" ist leider nicht nur ungenau, sie kann auch unsere Wahrnehmung des Hundes verändern.

Spricht jemand immer wieder von seinem Hibbelhund, wird aus einem möglicherweise situationsabhängigen Zustand allmählich eine Eigenschaft des Hundes. Irgendwann wird dann nicht mehr gefragt: Warum verhält sich der Hund in dieser Situation so? Das Verhalten gehört scheinbar einfach zum Hund.


Gerade aus psychologischer Sicht ist das bedeutungsvoll. Denn Bezeichnungen beeinflusssen, worauf wir unserer Aufmersamkeit richten und welche Erklärungen sich dauerhaft einprägen oder ob wir daraufhin überhaupt noch nach anderen Erklärungen suchen.

Wenn wir bestimmte Hundetypen ünerwiegend innerhalb eines reaktiven oder hoch erregten Verhaltensspektrums betrachten, kann genau dieses Verhalten zunehmend als Normalzustand dieses Hundes erscheinen. "Ist halt typisch für ihn". Aber ist es das wirklich?


Drehen wir die Perspektive einmal um


Stellen Sie sich eine Situation aus ihrem eigenen Leben vor.

Sie sind vor einer wichtigen Prüfung nervös. Vor einer großen Reise aufgeregt. Eine Entscheidung bereitet Ihnen Sorgen. Oder Sie erleben einen großartigen Tag, sind voller Energie, laufen schneller, reden mehr und können vor Begeisterung kaum stillsitzen. Würden Sie all diese Zustände mit demselbsen Wort beschreiben ?

Würden Sie sagen " Ich bin eben ein Hibbelmensch?" Vermutlich nicht.


Sie würden möglicherweise beschreiben, das Sie nervös sind oder angespannt, aufgeregt, voller Vorfreude, erschöpft, überfordert oder voller Energie. Und vermutlch würden Sie nach einer Phase hoher Erregung irgendwann versuchen, wieder etwas Ruhe zu finden.

Denn ganz gleich, ob eine hohe Aktivierung durch etwas Positives oder etwas Belastendes entstanden ist, der Organismus ist darauf ausgerichtet, anschließend wieder ein sein Gleichgewicht zurückzufinden.

Wir finden unsere Mitte wieder, könnte man umgangssprachlich sagen.

Physiologisch geht es dabei um die Homöostase – das Bestreben des Organismus, innere Prozesse innerhalb eines funktionalen Gleichgewichts zu regulieren.


" Was braucht dieser Hund?"


Und genau an dieser Stelle wird der Begriff Hibbelhund für mich besonders problematisch. Bei genauerem Hinsehen sollte man nicht nur überlegen, in welchem Zustand sich dieser Hund befindet, sondern überlegen welche Lebensweise er benötigt – vielleicht eine Änderung im Tagesgeschehen oder andere Anforderungen oder veränderte Lebensumstände, damit er aus diesem Zustand wieder heraus finden kann.

Ruhe und Entspannung brauchen Bedingungen die nur wir Menschen dem Hund ermöglichen können – oder eben nicht. Statt des Ausrufs: "Ah ein Hibbelhund" könnten wir uns deshalb angewöhnen zu fragen", Was braucht dieser Hund?"

Vor allem dann, wenn uns das Wort "Hibbelhund" bereits in den Kopf schießt, sobald wir einen Hund sehen, den wir unbewusst mit dieser Bezeichnung verknüpft haben – ohne eventuell genauer hinzusehen.

 
 
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