Die heimatlosen Leisetreter – Tierschutzhunde ein Grat zwischen Hoffnung, Erwartung und Wirklichkeit
- info5714539
- 3. Aug.
- 4 Min. Lesezeit

Wenn die Vergangenheit mit einzieht
Nicht jeder gerettete Hund ist in der psychischen Lage oder automatisch bereit für ein neues Familienleben. Manche bringen günstige Erfahrungen mit, die sie geprägt haben. Andere bringen gerade das nicht mit, was Hunde für den Einstieg in ein entspanntes Leben benötigen.
Erfahrungen mit Menschen, Umwelt und Alltag. genau darin liegt häufig die größte Herausforderung – nicht im Hund selbst, sondern in seiner Vergangenheit.
Toni – unser neuer Mitbewohner mit unbekannter Geschichte
Vor drei Wochen ist Toni bei uns eingezogen, ein griechischer Tierschutzhund. Bereits vor Monaten haben wir uns in sein Profil auf Sozialmedia verguckt. Die Videos über ihn waren verheißungsvoll für mich was sein Sozialverhalten betrifft. Wie so viele Hund im Tierschutz zeigte er Belastungssymptome obwohl seine Betreuung aus meiner entfernten Perspektive gut erschien. Ein Sammelort für Hunde ist, so gut er auch geführt sein mag, nicht für alle Insassen gleich angenehm. Jeder Hund erlebt dieselbe Umgebung anders. Was für den einen lediglich eine Übergangszeit ist, kann für einen anderen zu einer dauerhaften, belastenden Erfahrung werden.
Lebenserfahrungen mit Menschen und Hunden so wie einer Umwelt ausserhalb eines Zwingers oder einer Kette werden besonders in der sensiblen Phase gemacht oder eben nicht, diese prägen zunächst das Leben.
Bei jungen Tierschutzhunden kommt eine weitere Besonderheit hinzu. Oft kennt niemand die Elterntiere. Größe und Endgewicht lassen sich deshalb nur grob abschätzen. Bei Toni wurde das Endgewicht von etwa 20 Kilo vermutet. Schon jetzt bringt er mit sechseinhalb Monaten dieses Gewicht auf die Waage. Überraschungen gehören bei vielen Mischlingen aus dem Ausland einfach dazu. In unserem Fall ist das kein Problem, wir haben viel Platz.

Toni ist jung und lebensfroh. Als Welpe wurde er gemeinsam mit seinern Geschwistern neben
seiner halb verhungerten Mutter gefunden. Der Umgang mit ihm ist für uns leicht, gleichzeitig ist er altersentsprechend stürmisch. Im Spiel mit unseren anderen Hunden manchmal zu wild. Dann brauchen alle Vierbeiner meine Unterstützung im Management – das ist selbstverständlich für mich, erfordert aber zusätzliche Zeit. Ereignisse ausserhalb des Gartens verunsichern ihn derzeit noch. Dann möchte er lange sitzen und beobachten oder gar auf Abstand gehen. Eine gute Sicherung ist daher wirklich wichtig.
Andere Hunde mag er derzeit unterwegs nicht begrüßen, ein Verhalten, das ich auch von anderen Tierschutzhunden kenne.
Wenn niemand die Vergangenheit dokumentieren kann
Ganz gleich ob ein junger Hund oder erwachsenes Tier – die einschneidenden Lebenserfahrungen eines Tierschutzhundes kennen wir als Adoptanten meist nicht, denn niemand hat diese dokumentiert.
Sie kommen zu uns mit einem Rucksack voll Erfahrungen den wir nach Möglichkeit behutsam auspacken, was heißt den Hunden Zeit geben und beobachten, was sie fürchten, woran sie Freude haben um ihnen zu helfen unser Zuhause positiv zu bewerten.
Arthur - Narben, die man sehen konnte

Unser vorangegangener, dritter adoptierter Hund, auch aus dem fernen Tierschutz, wurde sichtbar misshandelt. Es hat lange gedauert, bis er nicht bei jedem Geräusch zusammen gezuckt ist. Es fehlte ihm ein halbes Ohr, verheilte Rippenbrüche waren tastbar, eine unbehandelte Lungenentzündung ließen keine ausdauernden Laufbewegungen zu. Arthur war ein "Schlenderer" –
saß im ersten Jahr gerne stundenlang, unbewegt im Garten vor Mauselöchern – bis die Mäuse vor ihm umherliefen und er final eine fing die ihm quasi fast über die Pfoten rannte. Eine Beschäftigung die ihm gut tat, die vertraut erschien. Ausser Frage, dass er das hier machen durfte. Vermutlich hatte er sich damit seine Zeit vertrieben, in seinem sechsjährigem Vorleben als Kettenhund an einer rostigen Tonne die vergessen wirkend, zwischen zwei Bäumen stand. Er musste bei uns nichts leisten, wir hatten Zeitlebens keinen Anspruch an Arthur gestellt sondern geschaut was er gerne mag. Erstaunlicher Weise mochte er viel Tumult und lag gerne unter dem Konferenztisch wenn viele Menschen aus dem Büro meines Mannes dort saßen. Er war trotz allem, was ihm widerfahren war, ein Menschenfreund und ging solang seine Knochen ihn noch nicht schmerzten auch gerne mit in ein Restaurant um sich das Treiben aus einer stillen Position heraus anzusehen – vielleicht eine generalisierte Handlung die aus seinem "Mäusefernsehen" entstanden ist.
Nur wenn es dunkel wurde, wollte er das Haus nicht gerne verlassen, das machte ihm die ersten drei Jahre in unserem Zusammenleben sorgen.
Was Toni und Arthur verbindet,
ist nicht ihre Herkunft aus dem Tierschutz. Es ist ihre undurchsichtige Vergangenheit. Beide mussten sich in eine für sie völlig neuen Welt zurecht finden und Errinnerungen zur Verarbeitung nutzen, die ihnen aus ihrem Vorleben zur Verfügung standen oder stehen.
Tierschutzhunde bringen manchmal Unsicherheiten gegenüber Umweltreizen mit, oder gar Spuren von Misshandlung. Kein Vermittlungsprofil kann diese Geschichten vollständig erzählen.
Die richtigen Fragen der Adoption
Deshalb ist es bei all unserer Liebe mit der wir versuchen Hunde aus ihrem Umfeld zu retten, nicht ausreichend zu fragen ist der Hund kinderlieb, oder ist er verträglich sondern, welche Erfahrungen hat dieser Hund in seinem bisherigen Leben gesammelt. kennt er das Leben im Haus?
Hat er unterschieliche Menschen kennen gelernt ? Hat er gelernt das Menschen Sicherheit bedeuten?
Oder musste er vor allem lernen zu überleben?
Ein geretteter Hund ist nicht automatisch ein glücklicher Hund. Tierschutzhunde können Ecken und Kanten haben, die mit adoptiert werden. Sie benötigen vor allem Zeit sich zu erholen – von ihrem alten Leben. Manche fühlen sich in einer kleinen Trainingsgruppe wohl, andere werden ihr Leben lang große Ansammlungen von Hunden oder Menschen meiden wollen.
Ein Zuhause, das wirklich passt
Ob aus einer Adoption ein glückliches gemeinsames Leben entsteht, entscheidet sich häufig nicht daran, wie viel Liebe wir einem Hund schenken können. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, seine Geschichte zu sehen, seinen mitgebrachten Rucksack zu respektieren, ihm Zeit zu geben in einer Umgebung, die zu seinen Erfahrungen passt.
Ich selber würde immer wieder einem Tierschutzhund ein hoffnungsvolles Zuhause anbieten – einem der abertausenden, heimatlosen – leisetretenden Hunden.


